Alexander Pütz Ausstellungen
15.02.–07.03.2026
Zauri Matikashvili
Made in Europe
bsmnt, Spinnerei, Leipzig

Zwischen europäischen Zukunftsentwürfen und autoritärer Rückbesinnung gilt Georgien seit 2023 als EU Beitrittskandidat. 80% der Bevölkerung bekennen sich zu einer Aufnahme in die EU. Sie verbinden eine Mitgliedschaft mit einer stabileren Wirtschaft, einer wachsenden Mittelschicht und mehr demokratischer Teilhabe. Vor allem junge Menschen demonstrieren in dieser Hoffnung seit Jahren friedlich auf den Straßen der Hauptstadt Tbilisi. De facto wurden die Verhandlungen jedoch aufgrund des russlandfreundlichen Kurses der Regierung gestoppt.

Der georgische Künstler Zauri Matikashvili arbeitet in seinen dokumentarisch-künstlerischen Projekten in diesem Spannungsfeld. Die Ausstellung Made in Europe verhandelt mittels des gleichnamigen Videos sowie installativen Arbeiten Fragen nach Zugehörigkeit, wirtschaftlichen Zwängen und intergenerationalen Konflikten. Über dreißig Jahre fuhr der Vater des Künstlers nach Deutschland, Österreich und in die Niederlande, kaufte dort vornehmlich Transporter der Marke Mercedes, Typ Sprinter, und belud diese mit günstig erworbenen Fahrrädern, Ledersofas oder Stühlen, um sie anschließend im 4.800 km entfernten Georgien gewinnbringend zu verkaufen. Die Videoarbeit
Made in Europe dokumentiert diesen kräftezehrenden Reiseverlauf und den Verwertungsprozess jener Teile, die Zauri Matikashvilis Vater per Container in den Kaukasus transportieren ließ.
Eigens für die Ausstellung produzierte Zauri Matikashvili eine Installation aus fünf gebrauchten Türen. Im Raum werden sie zu Bildträgern politischer Gegenrede. Auf ihnen sind Graffiti aus Tbilisi zu sehen; Adaptionen von Parolen der Proteste gegen eine russlandnahe Regierung und für eine Öffnung hin zu Europa. Im Stadtraum Tbilisis werden sie sofort von der Regierung zensiert und damit aus dem Blick gedrängt. Die Türen bündeln diese Spuren zu einem Verhältnis von privat und öffentlich. Was als innere Haltung beginnt, entfaltet sich hier ins Öffentliche und wird als politischer Anspruch auf Sichtbarkeit lesbar und formiert. So werden die Graffiti zu einer verdichteten Form des Aktivismus einerseits, der die politische Dringlichkeit bewahrt und zugleich den Tonfall und Logik der Straße schützt. Dabei behält sich ihre Fragilität als Teil der Botschaft.

Die Ausstellung verknüpft die Akkumulation von Wegen, Material und Schrift zu einer körperlichen, emotionalen und politischen Praxis. In dieser Verdichtung werden die harte körperliche Arbeit des Vaters, die Generationenbeziehung wie auch gesellschaftliche und politische Transformationsprozesse als gelebte Erfahrung eingeschrieben. Während große Teile der georgischen Gesellschaft auf europäische Integration drängen, reagiert die zunehmend pro-russisch orientierte Regierung mit Repression. Dies äußert sich in Einschränkung ziviler Freiräume und der systematischen Unterdrückung oppositioneller Stimmen. Zauri Matikashvilis Arbeiten entfalten sich vor diesem Hintergrund als stille, aber beharrliche Gegenbewegung, getragen von menschlicher Poesie.

Kuratiert von Undine Rietz und Alexander Pütz