Alexander Pütz Ausstellungen
22.03.–25.04.2026
Jessica Tille
ghostwriter drowning
Moltkerei Werkstatt, Köln

In einer Gegenwart, die von Künstlicher Intelligenz, Automatisierung und technischem Fortschrittsglauben geprägt ist, werden Herkunft, Autor und Wahrheitsanspruch von Inhalten zunehmend unsicherer. In ihrer Einzelausstellung ghostwriter drowning beschäftigt sich Jessica Tille mit medialen Verfahren als Träger von Wissen und Wahrnehmung. Dabei stellt sie die Frage, wie Sprache, Identität und Körper sich unter diesen Bedingungen verändern?

Ausgehend von Ghostwriting und Voice Cloning richtet die Künstlerin den Blick auf Verfahren, die Text und Stimme von einem eindeutigen Ursprung lösen. Sie interessiert sich für Formen der Kopie, Verdopplung und Simulation sowie deren gesellschaftliche Auswirkungen. Ein wichtiger Bezugspunkt ist dabei die Logik gegenwärtiger KI-Systeme, deren Texte häufig aus einer Vielzahl von Quellen synthetisiert werden und auf diese Weise Zuschreibungen von Fakt und Fiktion verwischen.
Inhalte wie diese übersetzt Jessica Tille in eine Installation aus Video, Sound und Objekten. Ausgangspunkt sind Parfumtitel (Sub-line Figures), die mantraartig mit Selbst- und Fremdwahrnehmung spielen. Die Künstlerin verarbeitet sie mithilfe von KI zu Sound und Melodie. Das Ergebnis erscheint in Common Scent (Eau de Cologne) wie eine Spur von Identität, ein verfremdetes, akustisches Profil von dem, was uns in unseren kapitalistischen Gegenwarten umgibt. Effizienz, (Selbst-) Optimierung und Wahrheitsanspruch werden zu leitenden Motiven der Ausstellung. Die Arbeit Taxonomy of essence (Habitat of self-production) verweist dabei auf Schrift und Überschreibung sowie auf das Material, aus dem Bedeutung entsteht. In den beiden Videoarbeiten I. Blue teeth of synchronization: Dental Floss und II. Euro Nymph Body Dubbing: Blue DupeI erweitert die Künstlerin das Setting um digitale Bildräume, die der Suche nach dem Ursprung von Sprache und Bedeutung in einer digitalen Welt gewidmet sind. In der Serie Cooling Medium Deposit I-VIII wird dieser Dualismus materiell präzise gefasst. Die verwendeten Bauteile sind einerseits reale Kühlkörper aus Computertechnologien, deren Funktion darin besteht, Wärme abzuleiten und Systeme stabil zu halten. Andererseits tragen sie mikroskopische Deckgläser, die mit Wärmebildaufnahmen von Körperstellen bedruckt sind, als Spuren menschlicher Kommunikation.

ghostwriter drowning untersucht KI nicht nur als technische Anwendung, sondern als kulturelle Bedingung, die im Begriff ist unsere Wahrnehmung und Identität neu zu formen. Zugleich greift die Ausstellung Zukunftsversprechen des Silicon Valley auf, in denen technologische Optimierung, ökonomische Interessen und neue Glaubensformen ineinandergreifen und propagiert werden. Sie fragt damit nicht nur, wie Sprache heute produziert wird, sondern auch, welche kulturellen Folgen diese Verschiebungen haben.

Kuratiert von Alexander Pütz